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Die Initiative Computer für Russland (ICR)

 

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unternahm ich 1991 eine Privatreise nach Moskau. Dort besuchte ich aber doch das Institut für Kybernetik der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) und wurde von Institutsdirektor Prof. Melnikov, der maßgeblich an die Entwicklung der russischen Computer beteiligt war, empfangen. Prof. Melnikov und seine Mitarbeiter äußerten großes Interesse an eine Zusammenarbeit mit deutschen Forschungsinstituten.

Nach meiner Rückkehr schrieb ich einen Bericht für die GMD über dieses Gespräch. Daraufhin entsandte die GMD 3 Wissenschaftler nach Moskau, um Kooperationsmöglichkeiten auszulöten. 50 Junge Wissenschaftler aus verschiedenen Instituten der RAS wurden für 6 Monate in die GMD eingeladen. Zusammen mit ihren deutschen Kollegen erarbeiteten sie gemeinsame Projektvorschläge. Doch die Realisierung dieser Projekte war kaum möglich, da ein Datenaustausch mit der Hardware und Software, die seinerzeit in Russland zur Verfügung standen, praktisch nicht möglich war. Die GMD erklärte sich bereit, Computer für Ihre russischen Kooperationspartner zu spenden. Doch diese Computer standen auf der „Schwarzen Liste“ – dürften also nicht nach Russland geliefert werden.

Der Ausweg

Um einen möglichen Ausweg zu finden, gründete ich 1992 zusammen mit russischen und deutschen Wissenschaftlern und Journalisten die Initiative Computer für Russland e. V. (ICR). Trotz Gemeinnützigkeit des Vereins war die Bundesstelle für Außenhandelsbeziehungen nicht gleich bereit, die erforderliche Ausfuhrgenehmigung zu erteilen. Mit viel Überzeugungskraft und mit Unterstützung von Politikern und Forschungsinstituten bekamen wir endlich die ersehnte Genehmigung, und die erste Sendung konnte 1992 nach Moskau starten.

In Moskau wurden unsere Computer jedoch vom russischen Forschungsministerium beschlagnahmt. Laut Vereinbarung zwischen Deutschland und Russland ist das russische Forschungsministerium für die Verteilung von Spenden für wissenschaftliche Zwecke zuständig. Da halfen keine Gespräche weder in Moskau noch in Bonn. Als letzter Versuch wandte ich mich an den damaligen Forschungsminister, Heinz Riesenhuber, persönlich. Und siehe da, die Sendung wurde binnen kurzer Zeit freigegeben. Prof. Alexansder Sotnikov, stellvertretende Leiter des Instituts für Kybernetik, schrieb „Bei uns sieht es aus wie am Weihnachten. Gestern haben wir die ganze Nacht Computer ausgepackt und ausprobiert und die kommende Nacht wird wohl genauso sein.“

Eine zweite Hürde kam paradoxerweise, als die „Schwarze Liste“ offiziell keine Gültigkeit hatte und die Bundesstelle sich nicht mehr für die Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen zuständig sah. „Sie als Verein müssen sich die Ausfuhrgenehmigung erteil“, wurde mir gesagt. Wie soll das funktionieren? Rückfragen bei den Zuständigen Stellen bei der EU in Brüssel ermutigten mich jedoch, die Sendungen in eigener Verantwortung fortzusetzen.

Welche Computer, für welche Zwecke

Bei der gelieferten Computern handelte es sich weniger um PCs als vielmehr um große, leistungsfähige Rechner und moderne Workstations, die für komplexe Forschungsaufgaben geeignet sind. Dabei wurden deutsch-russische Kooperationsprojekte bevorzugt beliefert. Somit konnte ICR Kooperationen zwischen Forschungseinrichtungen in Deutschland und Russland gefördert bzw. erst möglich gemacht worden.

Und so konnten mehrere Kooperationsprojekte zwischen russischen und deutschen Forschungsinstituten gestartet werden, an denen zum Teil auch andere EU-Partner beteiligt waren und die auch durch das Forschungsprogramm der EU gefördert wurden.

Deutsche Forschungszentren und auch Industriefirmen spendeten großzügig ganze Computeranlagen und Kommunikationssysteme für russische Forschungsinstitute über ICR. Auch große Firmen wie IBM ließen Spenden über ICR laufen, da sie keine Ausfuhrgenehmigungen bekamen. Die Transportkosten wurden in der Regel von den Spendern übernommen. Für den Notfall hat mir das Forschungsministerium stellte mir ein Kontengent, auf den ich zurückgreifen konnte.  

Insgesamt wurden in der Zeit 1992 und 1996 6 Sendungen mit jeweils mehreren Lastwagen (14,5 X 2,6 m) nach Moskau. Die Spenden über ICR waren in erster Linie für Institute der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) bestimmt. RAS-Präsident, Prof. Juri Osipov, ernannte 3 Professoren als Ansprechpartner für ICR in Moskau. Auf Wunsch des Forschungsministeriums in Bonn gingen einige Sendungen in andere Länder der ehemaligen Sowjetunion. So wurden die Universität und das Institut für Kybernetik in Kiew/Ukraine mit Computer beliefert. Ferner gingen – gespendet von IBM – zwei Sendungen mit je zwei Lastwagen an die Universitäten von Kaunas/Litauen und Tallin/Estland. 

Finanziert vom Forschungsministerium in Bonn wurden im Rahmen der ICR-Arbeit auch zwei Tagungen durchgeführt: Eine deutsch-russisch Tagung in Moskau und eine in deutsch-ukrainische Tagung in Kiew.

 

Die Bedeutung von ICR 

ICR war die erste Institution, die im großen Stiel moderne, leistungsfähige Computer- und Kommunikationstechnik nach Russland lieferte. Deshalb war das Interesse bei Regierungsstellen und Forschungsinstituten vor allem in Russland aber auch in Deutschland an der Arbeit von ICR sehr groß. Noch großer war das Interesse der Medien: Alle Fachzeitschriften und überregionale Zeitungen berichteten darüber, ich gab Interviews mit Interfax und mit der Deutschen Welle und der WDR schickte extra eine Korrespondentin nach Moskau, um über die ICR-Arbeit zu recherchieren.

 

Nachstehend sind einige Zitate (kleine Auswahl) aus Schreibenwechsel mit Partnern in Moskau

 



 


„Dear Dr. Agi:

....On this occasion I would like to express my   thanks to you. I recently had the opportunity to visit Academy institutes which have already received equipment from ICR. I could clearly see the value of your support to our scientists”. “For further discussion of our cooperation I would like to meet you during your next visit to Mosco”
Prof. Yuri OsipovPresident der russischen   Akademie der Wissenschaften





“Dear Michael Agi!

We got from your society SUN-3 Stations (Anmerkung: Es waren 7 Workstations), Which works fine and are successfully
used by our researchers. Therefore we can extend our research  into ecology” 

Prof. Alexsander Prokhorov, Nobelpreisträger für Physik  und Direktor der General Physics Institute/RAS Moskau


„Sehr geehrter Herr Dr. Agi, 

„vor einiger Zeit erhielten von Ihnen ... zwei Rechner der Firma DEC vom Typ VAX 8530 und VAX 8810.“  ....  „Damit gelang es, die Leistung dieses insbesondere für die 

Zusammenarbeit mit dem westeuropäischen Forschungszentrum CERN in Genf intensiv genutzten Clusters um einen Faktor 5-6 zu steigern.

„ ....  Die von Ihnen vermittelte Erweiterung unserer VAX-Anlage ist endlich in Betrieb genommen worden – ca. 10 bis 20-fache Leistung. Das ist ein schöner gemeinsamer Erfolg fuer uns. Besten Dank noch einmal“

Prrof. Rudolf Pose, Direktor der Internationalen Institut für Atomforschung in Dubna/Russland



“Dear Michael! All our computers (SUNs, VAX, DG and some IBM PCs) are connected by Ethernet. It’s principal new quality. It’s very happy day in my life! I dreamed about it for a long time.“

Prof. Ivannikov, Director, Institute of  System Programming/RA


 

"Am Lininskij Prospekt 38 in Moskau, wo Agi wieder mehrere Tonnen schwere ICR-Fracht landen soll, ist sein Name ohnehin bekannter als die in der letzten Zeit schnell wechselnden Bonner Forschungsminister." 
WDR 3 (10 minutige Sendung über ICR vom14. Mai 1994)


„The Ministry of Higher Education and Technological Policy of Russian Federation would   like to express its  gratitude to “Computer for Russia e.Vfor their active participation in   the international campaign of support of Russian Science."
K. M. D. Djumaev, 1. vice Minister of Higher Education and Technological Policy


„The workstation received from ICR will radically improve our work and, moreover, will put us in a position to extend our work to new areas, which were till now not possible to handle for luck modern computer  systems.”
Prof. Bashilov, Direktor des Geologischen Instituts/RAS in Moskau


„Dear Michael, Now we have got with your help a good equipment, everything was done with the help of your heart and hands. I was very happy to work with you.”
Prof. Alexander Sotnikov, Cybernetics Institute/RAS  in Mokau